Discountzertifikate – eine unangenehme Mogelpackung

Oktober 18, 2011 in Aktien, Anlagestrategie, Gastartikel, Zertifikate

Artikel von Thomas Schendel

Wenn von Discountzertifikaten die Rede ist, sind die ersten Assoziationen oftmals Risikopuffer, defensive Anlage oder ähnliches. Und es hört sich ja auch gut an: Aktien mit einem Rabatt zu erwerben und (je nach gewähltem Cap) selbst nach moderaten Kursrückgängen positive Renditen erwirtschaften zu können, klingt verlockend. Doch es lohnt sich, genauer über Discountzertifikate nachzudenken. Sind sie wirklich die riskoärmere Alternative zu Aktien?Doch zuerst ein paar Worte zur Konstruktionsweise: Discountzertifikate beziehen sich immer auf einen Basiswert (z.B. Aktien, Aktienindizes, Rohstoffe). Sie ermöglichen es den jeweiligen Basiswert billiger zu erwerben (eben mit Discount). Dieser Vorteil wird allerdings mit einer Gewinnbegrenzung bezahlt: Oberhalb einer definierten Kursschwelle (Cap) kann an einer positiven Wertentwicklung nicht mehr partizipiert werden.

Beispiel:
Die Aktie der Gummibärchenfabrik AG notiert am 1.1.2012 bei 100 Euro. Ein Discountzertifikat auf diese Aktie mit einem Cap bei 110 Euro und einer Laufzeit von einem Jahr kann für 90 Euro erworben werden. D.h. man erhält einen Rabatt von 10 Euro, allerdings kann an einer positiven Wertentwicklung über dem Cap von 110 Euro nicht partizipiert werden. Schauen wir uns mal drei verschiedene Szenarien an: die Aktie der Gummibärchenfabrik AG steht bei Laufzeitende am 31.12.2012 bei:

  1. 150 Euro. Während der Basiswert um 50% zugelegt hat, wird das Discountzertifikat zum Cap bei 110 Euro fällig. Gewinn: 22%.
  2. 100 Euro.Der Basiswert ist auf der Stelle getreten, das Discountzertifikat wird zum Wert des Basiswertes (100 Euro) ausgelöst. Gewinn: 11%.
  3. 50 Euro.Der Kurs des Basiswertes hat sich halbiert. Das Discountzertifikat wird zum Wert des Basiswertes (50 Euro) ausgelöst. Verlust: -44%

(Bei der Berechnung bin ich davon ausgegangen, dass die Gummibärchenfabrik AG keine Dividenden ausschüttet.)

Auf den ersten Blick sieht es wirklich so aus, dass Discountzertifikate die defensivere Variante zu einer direkten Aktienanlage wären. Doch die Dinge erscheinen in einem anderen Licht, wenn wir Discountzertifikate im Zusammenhang mit dem Gesamtdepot sehen. Dazu muss ich erst mal ausholen.

Eine der wesentlichen Grundregeln an der Börse ist „Verluste begrenzen, Gewinne laufen lassen“. Dahinter steckt der Grundsatz, dass ein Kursrückgang auf ein qualitativ schlechtes Unternehmen hindeuten kann und man es daher aussortieren sollte. Weiterhin können Aktien länger steigen, als man sich vorstellen kann – daher sollten „Gewinner“ im Depot verbleiben. Diese Philosophie nimmt viele kleine Verluste in Kauf – um bei einigen wenigen Positionen große Gewinne einzufahren. Diese großen Gewinne sind notwendig, um die vielen kleinen Verluste zu kompensieren.
Wenn wir uns nun die Konstruktionsweise von Discountzertifikaten genauer ansehen, müssen wir feststellen, dass sie genau anders herum konstruiert sind. Die Gewinne sind begrenzt (durch den Cap), doch theoretisch kann es zum Totalverlust kommen. Im Hinblick auf die Börsenregel „Verluste begrenzen, Gewinne laufen lassen“ können die „Gewinner“ im Depot (wenn es denn Discountzertifikate sind) durch die Gewinnbeschränkung, die vielen kleinen Verluste nicht mehr kompensieren.

Unter Risikogesichtspunkten können wir Discountzertifikate mit einer Haftpflichtversicherung vergleichen, die verspricht jeden Schaden bis 2500 Euro zu ersetzen, sich aber für alles darüber hinaus nicht zuständig erklärt. Solch eine Vereinbarung wäre natürlich Unsinn, da ja gerade erst für größere Summen eine Versicherung benötigt wird. Aber Discountzertifikate sind genau so konstruiert: sie schützen nur vor kleinen Verlusten und kapitulieren vor den großen. Und das alles bei eingeschränkten Gewinnmöglichkeiten. Das ganze Gerede vom „Risikopuffer“ oder „defensiver Anlage“sollte man genau unter diesen Gesichtspunkten sehen.

Zudem muss man bedenken, dass die Kurse von Discountzertifikaten von insgesamt vier Faktoren abhängen:

  1. Kursverlauf des Basiswertes
  2. implizite Volatilität des Basiswertes
  3. verbleibende Laufzeit
  4. Bonität des Emittenten (denn Discountzertifikate sind rechtlich gesehen Inhaberschuldverschreibungen).

Bei all diesen Faktoren fällt es schwer, einen auf den Chart des Basiswertes abgestimmten Stop-Loss-Limit zu setzten– was eigentlich bei jeder risikobehafteten Anlage ein Muss ist. Eine Anlage in Discountzertifikate ist eigentlich auch nur dann sinnvoll, wenn man eine Seitwärtsbewegung des Marktes erwartet. Aber mal ganz ehrlich: Ist es nicht schon schwer genug, vorherzusagen ob Kurse tendenziell steigen oder fallen werden? Wer allen Ernstes Seitwärtsmärkte prophezeit, muss schon über eine ganz famose Glaskugel verfügen.

Fazit:
Discountzertifikate können nicht als eine defensivere Form der Aktienanlage gesehen werden. Da sie per Konstruktion gegen das Prinzip: „Verluste begrenzen, Gewinne laufen lassen“, verstoßen, haben sie in Depots von Privatanleger nichts verloren. Das gleiche gilt im Übrigen für Aktienanleihen, die nach den gleichen Prinzipien wie Discountzertifikate funktionieren.

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Vielen Dank an Thomas Schendel für diesen überaus interessanten Gastartikel.
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